Hans Trudel

Zeitlebens verachtet, nach dem Tode verehrt:

Vor bald 70 Jahren starb Hans Trudel (1881–1958) nach einem mühseligen Leben. Noch heute sind zahlreiche seiner Werke in der Bäderstadt zu entdecken. Unter anderem bietet die Tourismusorganisation Dein Baden mit der Stadtführung «Kunst und Kontroversen» Einblicke in das Schaffen von Hans Trudel.

Hans Trudel (1881-1958) steht für Badener Kunst.

Er gilt heute zu den wichtigsten Badener Künstlern – auch wenn sein Weg zu dieser Anerkennung steinig war und durchzogen von viel öffentlicher Kritik.  Gleichwohl arbeitete er immer wieder für die Stadt und schuf etliche Werke für den öffentlichen Raum.

Hans Trudel erscheint in der Rückschau als ein Künstler, dessen Werk und Persönlichkeit in besonderer Weise zwischen künstlerischem Anspruch, gesellschaftlicher Moral und öffentlicher Ablehnung zerrieben wurden.

«Mag die Gesellschaft mein Schaffen nach mir wertvoller finden, einschätzen, sie waren im Unrecht, mich so sehr abzulehnen.» (Tagebuch, Neujahr 1938).

Trudel liebte bereits als Kind das Zeichnen. Aufgrund seiner Begabung absolvierte er eine Lehre als Maschinenzeichner bei Sulzer in Winterthur und setzt ab 1904 seine berufliche Laufbahn als Maschinenkonstrukteur bei Brown, Boveri & Cie. im aargauischen Baden fort. Glücklich war er dabei wohl nicht.

Seine Eingebung für die Kunst fand er nach dem Besuch einer Hodler-Ausstellung 1909 in Zürich. „Jetzt weiss ich, wozu ich berufen bin!“

Trudels Ambitionen führen zu viel Anstrengung, war er doch immer im Zwiespalt zwischen Kunst und Alltag. Unermüdlich arbeitet er tagsüber als Techniker und widmet sich nachts als Maler, Zeichner und bildender Künstler seinen Werken.

Sein Schaffen führte ihn 1915 nach Wien, wo er an der Akademie der bildenden Künste studierte. Die dort erlebten letzten Ausläufer des Jugendstils und die Begegnung mit der symbolistischen Kunst wurden für ihn zu einer wichtigen Initialzündung, ohne dass er sich je einer Stilrichtung vollständig anschloss. 1918 kehrte er nach Baden zurück, wo er bis zu seinem Tod mit seiner Familie lebte und arbeitete.

Seine frühen öffentlichen Werke führten zu heftigen Konflikten. Der Löwe auf dem Altstadtbrunnen (1918) wurde nicht nach künstlerischen Kriterien beurteilt, sondern moralisch fehlinterpretiert. Der Tränenbrunnen (1919) löste Polemiken über «klumpige Formen», «anwidernde Gesichtszüge» und vor allem über die Nacktheit der Figuren aus. Diese Kritik entzündete sich weniger am Werk selbst als an gesellschaftlichen Moralvorstellungen.
Ähnlich erging es dem Flieger (1929), der wegen seiner Nacktheit als ungeeignet für einen Platz mit spielenden Kindern galt. Trudel reagierte darauf sowohl in seinen Tagebüchern – mit scharfer Kritik an der Engstirnigkeit seiner Zeit – als auch künstlerisch, etwa mit dem verschleierten Reigen (1929–30), dessen dünner Schleier die Körper zugleich verhüllt und betont.

Auch seine Wandmalereien im Singsaal des Bezirksschulhauses Baden wurden verspottet und kritisiert.

Trotz dieser wiederkehrenden Ablehnung arbeitete Trudel weiter für den öffentlichen Raum, beteiligte sich an Wettbewerben und erhielt einige wenige Aufträge. Trudel suchte zeitlebens die Bewährungsprobe in der Öffentlichkeit, weil er darin die Möglichkeit gesellschaftlicher Integration sah.

Dass heute in Baden so viele seiner Werke stehen, ist weniger Ausdruck öffentlicher Anerkennung als vielmehr das Ergebnis privater Initiativen und posthumer Aufstellungen.

Trotz aller Rückschläge hielt Trudel an seiner Kunst fest und formulierte in seinen Tagebüchern den Glauben, dass eines Tages nur das Geschaffene zählen werde. Sein Werk, lange missverstanden und marginalisiert, gewinnt heute zunehmend an Bedeutung – als Ausdruck einer kompromisslosen künstlerischen Haltung und als Zeugnis eines Lebens im Spannungsfeld zwischen innerer Berufung und äusserer Ablehnung.

Wenige Werke findet man auch in Mellingen, wo Trudel von 1919 bis 1926 seine Werkstatt in der Windenmühle hatte.  Bis zu seinem Tod 1958 lebte und arbeitete Hans Trudel in seinem Altstadthaus an der oberen Halde.

Haus und Werkstatt gehören heute der «Genossenschaft Trudelhaus», welche die Räumlichkeiten unter dem Motto Kunst – Kultur – Kulinarik dem Restaurant Trudelkeller sowie Kunst im Trudelhaus vermietet. So finden regelmässige Ausstellungen mit heimischem Kunstschaffen statt. Auf der wunderschönen Terrasse im Garten des Hauses sowie in den inneren Gastroräumen überzeugt das Restaurant mit seinen Spezialitäten.

(Quelle: Stephan Kunz: «Hans Trudel». Verlag Lars Müller, 1988)